Bericht im Stattblatt. Thema: Die Villa Kunterbund

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„Ich hab ein Haus, ein kunterbuntes Haus, ein Äffchen und ein Pferd, die
schauen dort zum Fenster raus.“
Genau diese Zeilen des Pippi Langstrumpf-Liedes gingen mir durch den
Kopf, als Ulrike Fürstenwerth mich an der Eingangstür Ihres Hauses auf
der Rosellener Heide begrüßte. Zwischen den bunt geschmückten Fenstern
mit freundlichen Tonfiguren starrten mich die ruhigen Augen einer Katze
namens Miezebesen statt eines Äffchens an.
Im Eingangsbereich begegnete ich Agathe, einer Schaufensterpuppe, Merlin,
dem Zauberer und Max, der Wanderratte und überrascht setzte ich
meinen Weg fort in eine Welt voller Phantasie, Farben, warmen Licht und
grüßenden Fabelwesen.
„Es ist wirklich immer dasselbe: Leute, die mich zum ersten mal besuchen,
kommen einfach aus dem Staunen nicht mehr heraus.“ so die 62-jährige
Ulrike Fürstenwerth. In der Tat muss ich zugeben, dass es unendlich viel zu
entdecken gibt, in den Ecken kleine lustige Raben, in der Werkstatt hockt
der Papagei Mafiosi mit einer Kippe im Mund, an den Wänden goldene
verzierte Rahmen, in den Pfannen der Küche naturgetreue Spiegeleier aus
glasiertem Ton, ein rotes Blumenmeer und Glaskunst im Wohnzimmer.
Doch der wirkliche Wohlfühlraum des zweistöckigen Wohnhauses befindet
sich im Dachgeschoss: das Bärenstudio mit unzähligen niedlichen Bären
von klein bis groß. Balu, der Bär lacht aus dem schrägen Dachfenster,
während sich ein anderer Haufen Bären in der Zimmerecke um eine Kommode
tummelt.
Eine nostalgische Sitzecke lädt zum Lesen ein. ‚Der Zaunkönig und der Bär‘
von den Gebrüdern Grimm wäre mit Sicherheit hier eine angebrachte Lektüre,
um der manchmal banalen und brutalen Realität zu entgleiten.
Mir kommt der Gedanke: “Ich mach mir die Welt, widdewidde, wie sie mir
gefällt.“
Was ist das für ein Mensch, eine Frau, die sich Ihr Zauberreich ins Haus
schafft und jeden Tag nicht nur daran erinnert wird, wenn sie durch die
Räume geht, sondern darin auch lebt?
Ulrike Fürstenwerth ist eine Frau, die das Kind in sich nie vergessen hat. Eine
Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht, das Leben bejaht und sich für
verschiedenste Projekte engagiert.
„Mit zwölfeinhalb Jahren wurde ich zur Vollwaise, dieser schwere Verlust
hat mein späteres Leben und die Einstellung dazu sehr geprägt. Meine
Mutter hat mir wohl die Sensibilität, Kreativität und den ausgeprägten Gerechtigkeitssinn
vererbt. Ich setze mich immer für die Schwächeren ein“, so
die überzeugte Vorsitzende der Gewerkschaft ver.di und ehemalige Vorsitzende
des örtlichen Tierschutzvereins.
„In jungen Jahren habe ich mein Studium im Bereich Kunst aus persönlichen
Gründen aufgegeben und dann eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen.
Seit 27 Jahren bin ich bei der Stadtverwaltung Neuss im Amt
für Liegenschaften und Vermessung tätig und arbeite dort gerne im Team
der Betriebsleitung .“ Ihre akribische Tätigkeit bei der Stadt erfordert Attribute
wie Organisation, Genauigkeit und Gründlichkeit.
Ein Projekt, auf das Ulrike Fürstenwerth besonders stolz sein darf, ist die
Benefizveranstaltung für die Hochflutopfer in den neuen Bundesländer
im Jahr 2002. Erfolgreich organisiert hat sie dieses Projekt unter anderem
mithilfe verschiedener Bands wie „de Räuber“ und die „Ötte Band“. Somit
freute man sich in Dresden über eine Spende von über 15.000 Euro aus
Neuss.
Doch nicht nur das schafft Ulrike F. Nebenbei engagiert sie sich
intensiv für den Tierschutz und unterstützte beispielsweise in ihrem damaligen
Wohnort Kapellen die Kastration und Impfung von Freigänger-
Katzen. Leider wurde ihre Arbeit von einem übereifrigen Katzenhasser im
Ort extrem boykottiert, wovon verschiedene Zeitungen im Jahre 2007 berichteten.
Die Villa Kunterbunt
StattBlatt 03.2010 | Menschen 19
Doch getreu ihrem Motto: „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ schafft
es Ulrike F. eine positive Lebeneinstellung zu bewahren und für eine bessere
Welt zu kämpfen. Ihren persönlichen Rückzug findet sie in den Figuren, die
sie erschafft und benennt, eine heile Welt, die sie sich im Privaten aufbaut
und das unschuldig Menschliche bewahrt.
„Jede meiner Tonfiguren hat einen Namen und damit eine Persönlichkeit.
Mir fällt es schwer, mich von Ihnen zu trennen, aber wenn ich eine verkaufe,
dann nur an jemanden, den ich sympathisch finde. Seit 10 Jahren bin ich
Mitglied in der Kunstgemeinschaft Bergheim und bei verschiedenen Ausstellungen
verkaufe ich meine Keramikfiguren. Eine junge Frau verliebte
sich vor einem Jahr in meinen bildschönen Hahn ‚Franz Ferdinand‘, aber
ihr Mann war dagegen, die Figur zu kaufen. Jedoch kamen sie wieder und
ihr Mann forderte mich ungehalten auf, ‚das Ding einzupacken‘. Selbstverständlich
tat ich dies aufgrund seiner offentsichtlichen Geringschätzung
gegenüber meiner Tonfigur nicht und bediente mich der Ausrede, dass er
schon verkauft wäre.“
Ulrike F. verkauft Ihre Figuren zwischen 80 und 100 Euro, je nach Größe und
Aufwand in den Farben und Strukturen der Glasur. In meinen Töpferkursen,
die ich einige Jahre gegeben habe, haben sich die Teilnehmer anfangs gefragt,
wie man aus einem Klumpen Dreck so viel erschaffen kann. Außerdem
passiert es manchmal, dass eine Figur im sogenannten Schrübrand bei
900 Grad in tausend Teile zerspringt und umliegende Figuren im Ofen mit
zerstört. Dies kann durch Luftblasen im Ton passieren und ist äußerst frustrierend
für alle Beteiligten.“ erklärt Ulrike F. mit einem Augenzwinkern,
„trotz allem machte es den Kursteilnehmern Spaß, ihre Ideen in Ton umzusetzen
und zu gestalten.“
Mir fällt es schwer, den zauberhaften Wohlfühlort von Ulrike F. zu verlassen.
Am liebsten möchte ich sofort in die Kunst der Keramik eingeführt
werden, um mich selbst bald mit meinen persönlichen Phantasiegestalten
zu umgeben.
Alles in allem wurde mir heute bewusst, dass Pipi Langstrumpfs Aussage:
„Ich mach mir die Welt“ eine größere Bedeutung für jeden einzelnen hat,
als ich dachte.
Sylvia Schmallandt